Monthly archive July 2009

Hörtipp: Chaosradio Express 127 - Tex und LaTeX

Auf diese Sendung haben viele Hörer schon lange gewartet. Nun ist es endlich geschehen: Tim redet im Chaosradio Express Folge 127 über TeX und LaTeX, nach Meinung der Fachleute einem der besten Textsatzsysteme.

Sein Gesprächspartner ist Joachim Schrod. Schrod gilt als guter Kenner der Szene und ist einer der Mitbegründer der „Deutschsprachigen Anwendervereinigung für TeX e. V (DANTE)“. Er erklärt sehr schön, was es mit TeX und LaTeX auf sich hat und welche Anwendungsmöglichkeiten sich bieten. Den Einstieg über die Geschichte halte ich für sehr gelungen. Im Blog von Chaosradio Express besteht die Möglichkeit, Kommentare zur Sendung zu hinterlassen - wovon inzwischen reichlich Gebrauch gemacht worden ist.

In der Ankündigung heißt es:

Der Wunsch, ein Buch digital in perfektem Satz zu publizieren hat Donald Knuth Ende der Siebziger Jahre dazu bewegt, ein Satzprogramm zu erschaffen, dass auch Jahrzehnte nach seiner Fertigstellung noch das Nonplusultra des digitalen Schriftsatzes darstellt. In der Folge ist um diesen „Satzkernel“ herum eine mächtige Infrastruktur von Makropaketen und sonstigen Hilfsmitteln entstanden, die TeX zu einem mächtigen Werkzeugen machen. Im Gespräch mit Tim Pritlove erzählt Joachim Schrod über den historischen Ursprung von TeX und seinen technischen Aufbau. Zur Sprache kommen unter anderem die Person Donald Knuth und sein Perfektionismus, das Prinzip der TeX-Makrosprache, warum digitale Gummibänder der Schlüssel zum Schriftsatz sind, TeX und Schriftarten, die Funktionalität von LaTeX, sonstige TeX-Werkzeuge und Editoren und Stammtische und Konferenzen.

Hier der Download der Datei.

Twitter als Kommunikationsmedium von Politikern

Pannen gab es, wenn man die Berichte von der Wahl des Bundespräsidenten betrachtet, reichlich. Aber nicht der Einmarsch der Blaskapelle nach dem ersten Wahlgang oder die in den Saal getragenen Blumen wurden heftig diskutiert - es war der Umgang einiger Politiker mit dem neuen Kommunikationsmedium Twitter. Auslöser waren diese beiden Tweets: Ulrich Kleber (SPD) um 14.15 Uhr:

Drei Minuten später meldete sich Julia Klöckner (CDU) zu Wort:

 Die „Twitter-Affäre“, wie sie die vergangenen Tage in den deutschen Medien diskutiert worden war, förderte die Popularität von Twitter ungemein. Wie schon durch den Wahlkampf von Barack Obama gelangte der Kurzmitteilungsdienst erneut ins Blickfeld.

Jetzt, nachdem der Tumult sich wieder etwas gelegt hat, ist ein kritischer Rückblick angebracht. Was macht das Kommunikationsmedium Twitter so interessant, dass es nicht nur von den beiden genannten Politikern am Wahltag des Bundespräsidenten eingesetzt worden war? Warum ist es gerade bei Politikern so beliebt? Was macht den Erfolg von Twitter in der politischen Welt aus?

Dazu drei Thesen:

1. Twitter ist in der Politik erfolgreich, weil es einfach zu nutzen ist

Der noch junge Dienst Twitter wurde in der Anfangszeit als Hype belächelt oder gar beschimpft. Aber er war nur die logische Fortsetzung des Prozesses zunehmenden Publikationsmöglichkeit für den in der digitalen Welt lebenden Menschen. Nur schwer konnten noch vor wenigen Jahrzehnten von Normalmenschen eigene Nachrichten verbreitet werden. Der Rundfunk war lange Zeit öffentlich-rechtlich, Zeitungen hatten einen festen Kreis von Redakteuren; es blieben Mund-zu-Mund-Propaganda und alle Arten von „Flugzettel“.

Mit der Durchsetzung des Internets gab es m. E. bis heute drei Entwicklungsstufen, die alle nebeneinander bestehen blieben:

  1. Die Möglichkeit, eigene Websiten ins weltweite Netz zu stellen, war der Beginn eines neuen Zeitalters, in dessen Anfangsstadium wir uns noch immer befinden.
  2. Blogs waren der nächste Schritt: Internettagebücher, quasi eigene Zeitschriften. Aber beides, Websites und Blogs, erfordern die Auseinandersetzung mit der Technik, das Einarbeiten in ein System und (typo)grafische Arbeit.
  3. Twitter als neuster Trend entbindet seine Nutzer von diesen Pflichten: einloggen, texten, abschicken, fertig. Sogar von unterwegs, zusammen mit dem gerade geschossenen Foto vom Handy.

Wer in der Anfangszeit für seine Websites also noch mühevoll den Code zusammenhacken musste, war dankbar, sich mit der Hilfe von Content Management Systemen mehr auf den Inhalt konzentrieren zu können. Bloggen ist sogar noch einfacher, weil die Beiträge chronologisch geordnet sind und die Kategorisierung über Tags wesentlich einfacher und flexibler ist. Und Twitter? Hier entfällt die Einteilung in Themen völlig, gezwitschert wird, wonach einem gerade ist. Benötigt wird ein Benutzername, eine E-Mail-Adresse und ein Passwort - sonst nichts.

Die oben beschriebene Entwicklung von der Website über den Blog zu Twitter ist eine Entwicklung von technischer Komplexität zur Vereinfachung im Publizieren. Mit der Vereinfachung einher geht die Möglichkeit einer schnellen Verbreitung. Die twitternden Bundestagsabgeordnete haben davon in der Bundesversammlung Gebrauch gemacht. Keiner hätte sich wohl die Mühe gemacht, im Nachhinein auf der eigenen Website von der Wahl in einem langen Artikel zu berichten. Twitter dagegen ist so, dass sich auch Volksvertreter aus der Bundesversammlung heraus melden können: kurz, schnell und einfach.

2. Twitter ist in der Politik so erfolgreich, weil es „Social Networking“ ist

Die Entwicklung hin zum Mitmachweb hat die bekannte Mediennutzung verändert. Statt sich von einfalls- und niveaulosem Fernsehprogramm berieseln zu lassen, pflegen immer mehr Internetnutzer über Soziale Netzwerke Kontakt zu Freunden und vernetzen sich. Freundschaften zu erhalten und im Web aktiv etwas zu gestalten ist eben mehr wert als sinnloses Konsumieren.

Und da hat Twitter genau die richtige Position eingenommen. StudiVZ/MeinVZ, Wer kennt wen? und das derzeit boomende Facebook bieten Kommunikationsplattformen mit zahlreichen Möglichkeiten. Sie werden m. E. auch in Zukunft das Skelett einer sozial-digital vernetzten Webgemeinde sein. Im oben beschriebenen Dreierschritt kommen sie den Blogs am nächsten. Auffällig ist, dass sie in der letzten Zeit auf die Twitter-Schiene aufgesprungen sind: StudiVZ hatte die Rubrik „Thomas ist gerade ...“, die sich jetzt „Buschfunk“ nennt. Facebook informiert seine Mitglieder auf der Startseite über die letzten Aktivitäten der Freunde. Die Zunahme an mobilen Endgeräten mit Internetzugang verschafft hier dem Marktführer Twitter die Vorrangstellung. Wer von unterwegs twittert und Fotos schießt, der lässt seine Freunde am eigenen Leben teilhaben. Twitter ist also Social Networking, insofern es die Ergänzung zu etablierten Plattformen darstellt.

Wohlgemerkt - nur als Ergänzung, denn gerade Facebook entwickelt sich immer mehr zu einer den eigenen Bedürfnissen anpassbaren Filterplattform. Und indem sowohl Facebook als auch Twitter ihre Schnittstellen den Entwicklern freigeben, werden sie durch die Kreativität der Programmierer gefördert. Friedfeed ist ein aktuelles Beispiel dafür, wie die durch andere Dienste bereitgestellten Informationen abgegriffen und neu aggregiert werden. Soziale Vernetzung geschieht im Web 2.0 eben durch das Abonnieren von Feeds. Auch dieses Merkmal zeichnet Blogs (Abonnieren eines RSS-Feeds) und Twitter (Personen „followen“) gegenüber den Websites der ersten Generation aus, die man stets aufs Neue besuchen musste, um sich über Änderungen zu informieren.

Wenn in der „analogen Politik“ Vernetzung schon überlebenswichtig ist, dann umso mehr in der digitalen. Social Networking heißt nicht zuletzt, digital mit den Personen vernetzt zu sein, die in besonderen Situationen über die besten Informationen verfügen. Das gilt auch für Politiker. Der erfolgreiche erste Wahlgang bei der Wahl zu einem neuen Bundespräsideten wurde gerade nicht durch eine Nachrichtenagentur, sondern durch eine Twitternotiz bekannt. Es bleibt - das sei aber nur am Rande bemerkt - abzuwarten, ob und inwiefern dadurch die klassischen Medien ihre Deutungshoheit über bestimmte Sachverhalte verlieren.

Politiker haben mit Twitter zudem die Möglichkeit, sich untereinander zu vernetzen: Was macht mein Parteikollege gerade? Womit beschäftigt sich der Oppositionsführer? Selbst in der Bundesversammlung wurde davon Gebrauch gemacht. Wer dabei war, nutzte den Tag #bpw (Bundespräsidentenwahl).

Auch die Politiker Kleber und Klöckner hatten sich einiges zu sagen:

 

3. Twitter ist erfolgreich, weil es ein neues Mittel der Eigenwerbung ist

Twitter ist die Möglichkeit, unmittelbar am Leben von interessanten Personen teilzuhaben. Wer über einen längeren Zeitraum die Tweets einer Person liest, bekommt eine Vorstellung von ihrem Leben und Denken. Aber es gibt neben diesem Kanal „Leser - Autor“ auch den Kanal „Autor - Leser“. Wer über einen längeren Zeitraum hinweg Tweets absetzt, stellt sich selbst dar (was an dieser Stelle völlig wertneutral gemeint ist). Twitter ist dabei die unkomplizierteste und komplizierteste Art zugleich.

Unkompliziert deshalb, weil der, der nicht mehr als Links twittert, sich das Bild eines Experten auf diesem Gebiet aufbauen kann. Oder seine Attraktivität dadurch steigert, dass er seine Leser an Informationen teilhaben lässt, die sie an sonst keiner Stelle bekommen. Beim Amoklauf in Winnenden wurde auf unschöne Weise deutlich, was das heißt.

Kompliziert deshalb, weil durch das schnelle Absetzen von Nachrichten häufig die Qualität der Inhalte leidet. Der Fall Twitter bei der Wahl des Bundespräsidenten zeigt, wie eine neue Technik begeistert aufgegriffen wurde, ohne den Umgang mit ihr genügend zu reflektieren. Auch wenn das Wort „Medienkompetenz“ inzwischen zu einer nichtssagenden Worthülse geworden ist, so hat man sowohl in Winnenden als auch bei der Bundesversammlung einen der Situation angemessenen und würdevollen Umgang vermisst.

Das Beispiel des Grünen-Politikers Volker Beck

Twitter ist erfolgreich, weil es einfach zu nutzen, Teil eines sozialen Netzwerkes und neues Mittel der Eigenwerbung ist. Barack Obama dürfte diese Vorteile vonTwitter als erster Politiker für seine Zwecke erfolgreich im Wahlkampf genutzt haben. Dieses Modell versuchen natürlich viele Volksvertreter-/innen nachzumachen. Nicht in allen Fällen gelingt dies - siehe Bundesversammlung.

Das oben beschriebene Dreierschema Website-Blog-Twitter dürte unter Berücksichtigung aller Faktoren (Zielgruppe, Inhalt, Aktualität) in der gegenwärtigen Medienlandschaft und im Wahlkampf bis Herbst 2009 für Politiker ein geeignetes Modell zu sein.

Ein Beispiel für eine geschickte Kombination der Kommunikationswege im Netz findet sich bei Volker Beck, seines Zeichens Mitglied des Deutschen Bundestages, Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der Bundestagsfraktion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Mitglied im Parteirat der Grünen und menschenrechtspolitischer Sprecher der Fraktion. Beck steht hier stellvertretend für viele andere Politiker, die die gleiche Strategie verfolgen (und nicht, weil ich seine politischen Positionen befürworten oder ablehnen würde). Auch er twitterte live von der Bundesversammlung („protokollarischer GAU vor ergebnis einmarsch von blumen und kapelle #bpw).

Nun, Volker Beck betreibt eine Website unter www.volkerbeck.de. Dreispaltig, links Navigation, in der Mitte aktuelle Beiträge, rechts Links zu diversen Einzelthemen. Der Inhalt dieser Seite ist relativ statisch: Menschenrechte, weitere Themen, Pressemitteilungen, Reden usw. Möglichkeiten der Interaktion und Kontaktaufnahme mit ihm gibt es (von links nach rechts) per Button Follow me on Twitter, per Kontaktseite (ohne Eingabeformular) und durch die Möglichkeit, seinen Newsletter zu abonnieren. Wer seine Website besucht, hat also die Möglichkeit, sich über politische Inhalte zu informieren und auf konventionellem Wege Kontakt aufzunehmen; mehr aber auch nicht.

Oben rechts führt ein Bild zu seinem Blog Beckstage. Dort präsentiert er sich mit all den typischen Kennzeichen eines Blogs: Sidebars mit den Rubriken Neueste Artikel, Neueste Kommentare, Twitterupdates. Der Besucher oder die Besucherin seiner Website kann hier nicht nur lesen, sondern selbst Meinungen kundtun. Jeder seiner Artikel ist von Lesern kommentiert. Zwar wird auch bei ihm kein Kommentar ohne Administrator freigeschaltet werden, aber dies kann man einem MdB nicht verdenken. Wie Autor und Leser durch das Medium Blog näher zusammenrücken, wird an seinem Eintrag vom 30. November 2008 deutlich. Dort fordert er seine Leser auf, Vorschläge für den Namen seines Blogs zu nennen. Wie bei anderen Blogs auch üblich, kann der RSS-Feed abonniert werden. Öffentliche Antworten des Politikers auf Kommentare gibt es aber nicht.

Twitter führt den Politiker Beck und die an ihm Interressierten (d. h. seine Follower) nun noch enger zusammen. Beck stellt noch banalere Fragen wie wenn ich auf meinem handy versuche, mich hier einzuloggen, komme ich seit tagen immer auf twitter.com/error . weiß jemand abhilfe? #fail (Tweet vom 1. Juni 2009) und greift den Slang" der Twitterer auf. Viel entscheidender ist aber, dass er hier auf Hinweise und Fragen seiner Follower eingeht (im konkreten Fall des Handy-Problems kam ein Lösungsvorschlag auch per Twitter). Die Mehrzahl seiner Tweets - soweit ich das überblicke - sind Replies, also Antworten auf andere Tweets.

Bei Volker Beck sind es also diese drei Standbeine seines Auftritts im World Wide Web:

  • Website: seriöser Auftritt, statische Inhalte, konventionelle Kontaktmöglichkeiten, Antworten auf konventionellem Weg
  • Blog: persönlicher Auftritt, wechselnde Inhalte, Kommentarmöglichkeit, keine Antworten auf Kommentare
  • Twitter: Momentaufnahmen, täglich neuer Inhalt, (häufig) direkte Antworten

Alle drei zusammen decken ein großes Feld an Zielpublikum ab. Alle drei haben verschiedene Akzente und ergänzen sich gegenseitig.

Und die Zukunft von Twitter in der Politik?

Twitter wird auch in Zukunft ein nicht mehr wegzudenkendes Element im Web 2.0 sein. Die große Revolution wird jedoch ausbleiben, allein schon deshalb, da - wie oben beschrieben - immer mehr Dienste die Idee von Twitter kopieren. Sicher wird auch eines Tages der Punkt kommen, an dem die Nutzer vom vielen Gezwitscher Ohrensausen bekommen. Je mehr Vögel im Wald singen, desto weniger hört man die einzelnen Stimmen. Politikerinnen und Politiker werden neue Twitter-Strategien entwickeln müssen, um im sich Netz Gehör zu verschaffen. Vielleicht dauert es auch noch einige Jahre, bis die Generation Leitungsfunktionen in der Politik übernimmt, die mit dem Internet wie selbstverständlich groß geworden ist.

Thomas Schön 2009–2010

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