Web 2.0

Blogger-Interviews von Philip Banse #1: Beckedahl, Niggemeier, Häusler, Lobo

Blogger sind Journalisten. Sagen die einen. Blogger sind Möchtegern-Journalisten. Sagen die anderen. Blogger werden die traditionellen Medien revolutionieren. Sagen wieder andere.

Und was sagen die Blogger selbst über sich? Philip Banse, ein nicht Unbekannter im Web 2.0, veröffentlicht derzeit für dctp.tv  in unregelmäßiger Folge Interviews mit Bloggern aus der deutschsprachigen Szene.

Auf die interessantesten Gespräche werde ich hier im Blog nach und nach verweisen. Die Videos aus Folge #1 können als m4v per torrent heruntergeladen werden.

Markus Beckedahl, netzpolitik.org:

Stefan Niggemeier, stefan-niggemeier.de und bildblog.de:

Johnny Häusler, spreeblick.com:

Sascha Lobo, saschalobo.com:

Facebook setzt auf Jabber/XMPP – Vorteil oder Gefahr für die Nutzer?

Logo Facebook Jabber

Facebooks Chat basiert ab sofort auf XMPP. Das mag eine technische Aussage sein, die Folgen sind aber wesentlich bedeutsamer. Denn der Umstieg auf das XMPP-Protokoll wird dieses auf lange Sicht stärken.

Das „Extensible Messaging and Presence Protocoll“ (XMPP) bietet die Anbindung an die weite Welt des Internets. Während etwa bei der Kommunikation über ICQ die Firma AOL die Hand über dem Protokoll hält, ist XMPP eine offene Standardisierung. Und während bei ICQ die Nachrichten über die Firmenserver laufen (und die Nutzer dabei mit Blick auf die hoffentlich gelesenen Datenschutzbestimmungen Bauchschmerzen bekommen sollten), kann bei XMPP serverübergreifend, dezentral kommuniziert werden. Jabber, die wohl beste Alternative zu den proprietären Anbietern, setzt auf XMPP und bietet massenweise Vorteile.

Mit Googletalk setzt bereits einer der großen Player auf den offenen Standard, nun also auch Facebook. Jetzt sei die Nutzung des Facebook-Chats auch mit einem der zahlreichen Instant-Messenger-Clients möglich, so das Werbeversprechen. Aus der Sicht des Netzwerkes bindet man  Nutzer – denn wessen Freunde bislang nur bei Facebook und nicht bei einem der anderen Messenger-Anbieter sind, der wird dankbar sein, die in den Chat-Client einfach und zuverlässig integrieren zu können.

Darin liegt aber auch die Gefahr: Facebook kann auf diese Weise zum Jabber-Monopolisten werden. Zwar legt Facebook, wie schon häufiger, die technischen Details offen, der Nachrichtenverkehr wird aber weiterhin über die Firmenserver laufen. Verbindung zu anderen Jabber-Server sind offensichtlich nicht möglich und werden es wohl auch nie werden. Ebenso sind Gespräche über externe Clients bislang nicht per SSL verschlüsselt.

Es bleibt bei einer zurückhaltenden Freude.  Nicht unerheblich dürfte sein, dass proprietäre Formate in Zukunft an Bedeutung verlieren – zu wünschen wäre es allemal. So bleibt die Frage: Warum Facebook nutzen, wenn das Protokoll auch in einer freien Umgebung genutzt werden kann? Die Aufgabe wird bleiben, immer mehr Nutzer von ICQ, Windows Live Messenger, AIM (und auch Facebook) hin zum dezentralen „Jabbern“ zu führen.

Logo Jabber:
Commons Wikimedia

Delicious als GTD-Werkzeug nutzen

Delicious ist zweifellos einer der führenden Social Bookmarking Dienste. Die Möglichkeit des Tagges von Links, des Vernetzens der Benutzer untereinander und des Abonnieren von Lesezeichenseiten via RSS machen Delicious zu einem mächtigen Tool (Persönlich halte ich Diigo für nützlicher und reicher an Funktionen, aber dazu vielleicht ein anderes Mal mehr).

Screenshot Delicious 2010-02

Der Blogger Ken Clark macht einen Vorschlag, wie dieser Dienst in ein GTD-System integriert werden kann. Sein Vorschlag: Nutzen Sie Delicious als Someday/Maybe- und Referenzliste!

Als Kategorien kommen s. E. in Frage:

  1. Bücher
  2. Websites
  3. Ideen
  4. Restaurants
  5. Rezepte
  6. Wunschliste
  7. Reiseziele
  8. Allgemeine Tipps
  9. Software/Apps
  10. Allgemeine ToDos

In der Bewertung schließe mich Dr. Stephan List an, über dessen Toolblog ich auf den Beitrag aufmerksam geworden bin: „So ganz überzeugt mich das Konzept nicht. Aber vielleicht bringt es Sie auf die richtigen Ideen.“

Zwei Chefredakteure, zwei ICE-Bahnhöfe und ein Tweet


Was gab es nicht alles an (politischen) Diskussionen im Westerwald, als vor Jahren die Haltepunkte der ICE-Züge auf der Schnellfahrstrecke Köln-Rhein/Main festgelegt werden sollten (vgl. die Zusammenfassungen zu den Bahnhöfen Limburg-Süd und Montabaur auf Wikipedia).

Auch heute, nachdem die Bundesländer Hessen und Rheinland-Pfalz mit Limburg-Süd bzw. Montabaur je ihren eigenen ICE-Halt besitzen, sind die Stimmen der Kritiker noch nicht verstummt. Verständlich, könnte man meinen, denn beide Städte liegen lediglich 21 Bahnkilomenter voneinander entfernt – eigentlich zu nah für Fernverkehrs-Verhältnisse.

Christian Lindner (nein, nicht der Generalsekretär der FDP) war zur Zeit des Streckenbaus Lokalchef der Rhein-Zeitung im Westerwald. Vergangene Woche las der heutigen Chefredakteur der Rhein-Zeitung folgenden Tweet:

Roland Tichy über die ICE-Bahnhöfe Limburg-Süd und Montabaur

Roland Tichy? Nie gehört? Der wiederum ist der Chefredakteur der Wirtschaftswoche. Und von dem, was dann geschah, schreibt Lindner auf amüsante Art und Weise im RZ-Blog:

Tichy, Twitter und die Provinz

Alles in allem wieder ein schönes Beispiel dafür, wie das Web 2.0 Menschen zusammenführt (auch Kommentar Nr. 12 beachten, denn hier schreibt Tichy selbst). Auf das Ergebnis der Vereinbarung bin ich jedenfalls gespannt.


„Creative Commons” - erklärt vom Wissenschaftlichen Dienst des Deutschen Bundestages

Logo Creative Commons

Die Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages sind nach eigener Aussage Unterstützer der Abgeordneten bei ihrer politischen Arbeit in Parlament und Wahlkreis. Sie liefern Fachinformationen, Analysen und gutachterliche Stellungnahmen.

Auf meist zwei Seiten werden in aller Kürze aktuelle Fragen beantwortet und ein Überblick über die Thematik gegeben. In der Rubrik „Der Aktuelle Begriff“ wurde am 16. November 2009 die Creative-Commons-Lizenz erklärt.

Wer sich im Netz bewegt, der dürfte nach dem Lesen keine neuen Erkenntnisse haben. Dennoch eignen sich solche Texte gut, die Creative Commons bekannter zu machen. Zahlreiche Künstler veröffentlichen ihre Werke unter ihr und auch in der Blogosphäre findet sie immer mehr Anhänger.

Die Analysen und Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes werden übrigens komfortabel als RSS-Feed zur Verfügung gestellt. Es muss ja nicht gerade eine Abhandlung über Lärmschutz bei Sportanlagen, Kindertagesstätten und Spielplätzen - Kompetenzverteilung zwischen Bund und Ländern nach der Föderalismusreform sein, die einen interessiert. Das ein oder andere lesenswerte Dokument taucht aber immer einmal dort auf.

Warum ist es in der deutschen Blogosphere nach der Bundestagswahl 2009 so still?

Einige Tage nach der Bundestagswahl (um genau zu sein: heute, am 29. September 2009) ist es in der deutschen Blogsphere noch relativ ruhig. Orientiert an den Deutschen Blogcharts Ausgabe 38/2009 hier ein kurzer Blick auf den gegenwärtigen Stand:

Weitere Linksammlungen gibt es bei in Fefes Blog, auf Netzwertig.com und auf Hingesehen.net (dort auch einige einzelne Artikel).

Hörtipp: Pressesprecher 2.0 – Unternehmenskommunikation in Zeiten der Social Media

Pressesprecher sind längst nicht mehr das einzige Sprachrohr eines Unternehmes oder einer Institution. Die Möglichkeiten, die das Internet bieten, scheinen häufig die offiziellen Kommunikationswege zu unterlaufen. Aber gerade das kann kann eine Chance für Mitarbeiter und Führungskräfte sein. Die Grenzen zwischen privater und beruflicher digitaler Identität werden in Zukunft - so eine der Thesen dieses Podcasts - immer weniger abgegrenzt sein.

Zu Gast beim „Social Media PReview“ sind in der Sendung vom 8. September 2009 Mike Schnoor (Head of Public Relations & Corporate Communications bei der sevenload GmbH) und Sachar Kriwoj (Head of Public Relations bei der scoyo GmbH). Beide gehen im Roundtable Interview mit Timo Lommatzsch u. a. der Frage nach, wie, wie Social Media den Job als Unternehmenssprecher verändert hat oder wie man Social Media in die Unternehmenskommunikation integrieren kann.

Hier der Download der Datei.

Twitter als Kommunikationsmedium von Politikern

Pannen gab es, wenn man die Berichte von der Wahl des Bundespräsidenten betrachtet, reichlich. Aber nicht der Einmarsch der Blaskapelle nach dem ersten Wahlgang oder die in den Saal getragenen Blumen wurden heftig diskutiert - es war der Umgang einiger Politiker mit dem neuen Kommunikationsmedium Twitter. Auslöser waren diese beiden Tweets: Ulrich Kleber (SPD) um 14.15 Uhr:

Drei Minuten später meldete sich Julia Klöckner (CDU) zu Wort:

 Die „Twitter-Affäre“, wie sie die vergangenen Tage in den deutschen Medien diskutiert worden war, förderte die Popularität von Twitter ungemein. Wie schon durch den Wahlkampf von Barack Obama gelangte der Kurzmitteilungsdienst erneut ins Blickfeld.

Jetzt, nachdem der Tumult sich wieder etwas gelegt hat, ist ein kritischer Rückblick angebracht. Was macht das Kommunikationsmedium Twitter so interessant, dass es nicht nur von den beiden genannten Politikern am Wahltag des Bundespräsidenten eingesetzt worden war? Warum ist es gerade bei Politikern so beliebt? Was macht den Erfolg von Twitter in der politischen Welt aus?

Dazu drei Thesen:

1. Twitter ist in der Politik erfolgreich, weil es einfach zu nutzen ist

Der noch junge Dienst Twitter wurde in der Anfangszeit als Hype belächelt oder gar beschimpft. Aber er war nur die logische Fortsetzung des Prozesses zunehmenden Publikationsmöglichkeit für den in der digitalen Welt lebenden Menschen. Nur schwer konnten noch vor wenigen Jahrzehnten von Normalmenschen eigene Nachrichten verbreitet werden. Der Rundfunk war lange Zeit öffentlich-rechtlich, Zeitungen hatten einen festen Kreis von Redakteuren; es blieben Mund-zu-Mund-Propaganda und alle Arten von „Flugzettel“.

Mit der Durchsetzung des Internets gab es m. E. bis heute drei Entwicklungsstufen, die alle nebeneinander bestehen blieben:

  1. Die Möglichkeit, eigene Websiten ins weltweite Netz zu stellen, war der Beginn eines neuen Zeitalters, in dessen Anfangsstadium wir uns noch immer befinden.
  2. Blogs waren der nächste Schritt: Internettagebücher, quasi eigene Zeitschriften. Aber beides, Websites und Blogs, erfordern die Auseinandersetzung mit der Technik, das Einarbeiten in ein System und (typo)grafische Arbeit.
  3. Twitter als neuster Trend entbindet seine Nutzer von diesen Pflichten: einloggen, texten, abschicken, fertig. Sogar von unterwegs, zusammen mit dem gerade geschossenen Foto vom Handy.

Wer in der Anfangszeit für seine Websites also noch mühevoll den Code zusammenhacken musste, war dankbar, sich mit der Hilfe von Content Management Systemen mehr auf den Inhalt konzentrieren zu können. Bloggen ist sogar noch einfacher, weil die Beiträge chronologisch geordnet sind und die Kategorisierung über Tags wesentlich einfacher und flexibler ist. Und Twitter? Hier entfällt die Einteilung in Themen völlig, gezwitschert wird, wonach einem gerade ist. Benötigt wird ein Benutzername, eine E-Mail-Adresse und ein Passwort - sonst nichts.

Die oben beschriebene Entwicklung von der Website über den Blog zu Twitter ist eine Entwicklung von technischer Komplexität zur Vereinfachung im Publizieren. Mit der Vereinfachung einher geht die Möglichkeit einer schnellen Verbreitung. Die twitternden Bundestagsabgeordnete haben davon in der Bundesversammlung Gebrauch gemacht. Keiner hätte sich wohl die Mühe gemacht, im Nachhinein auf der eigenen Website von der Wahl in einem langen Artikel zu berichten. Twitter dagegen ist so, dass sich auch Volksvertreter aus der Bundesversammlung heraus melden können: kurz, schnell und einfach.

2. Twitter ist in der Politik so erfolgreich, weil es „Social Networking“ ist

Die Entwicklung hin zum Mitmachweb hat die bekannte Mediennutzung verändert. Statt sich von einfalls- und niveaulosem Fernsehprogramm berieseln zu lassen, pflegen immer mehr Internetnutzer über Soziale Netzwerke Kontakt zu Freunden und vernetzen sich. Freundschaften zu erhalten und im Web aktiv etwas zu gestalten ist eben mehr wert als sinnloses Konsumieren.

Und da hat Twitter genau die richtige Position eingenommen. StudiVZ/MeinVZ, Wer kennt wen? und das derzeit boomende Facebook bieten Kommunikationsplattformen mit zahlreichen Möglichkeiten. Sie werden m. E. auch in Zukunft das Skelett einer sozial-digital vernetzten Webgemeinde sein. Im oben beschriebenen Dreierschritt kommen sie den Blogs am nächsten. Auffällig ist, dass sie in der letzten Zeit auf die Twitter-Schiene aufgesprungen sind: StudiVZ hatte die Rubrik „Thomas ist gerade ...“, die sich jetzt „Buschfunk“ nennt. Facebook informiert seine Mitglieder auf der Startseite über die letzten Aktivitäten der Freunde. Die Zunahme an mobilen Endgeräten mit Internetzugang verschafft hier dem Marktführer Twitter die Vorrangstellung. Wer von unterwegs twittert und Fotos schießt, der lässt seine Freunde am eigenen Leben teilhaben. Twitter ist also Social Networking, insofern es die Ergänzung zu etablierten Plattformen darstellt.

Wohlgemerkt - nur als Ergänzung, denn gerade Facebook entwickelt sich immer mehr zu einer den eigenen Bedürfnissen anpassbaren Filterplattform. Und indem sowohl Facebook als auch Twitter ihre Schnittstellen den Entwicklern freigeben, werden sie durch die Kreativität der Programmierer gefördert. Friedfeed ist ein aktuelles Beispiel dafür, wie die durch andere Dienste bereitgestellten Informationen abgegriffen und neu aggregiert werden. Soziale Vernetzung geschieht im Web 2.0 eben durch das Abonnieren von Feeds. Auch dieses Merkmal zeichnet Blogs (Abonnieren eines RSS-Feeds) und Twitter (Personen „followen“) gegenüber den Websites der ersten Generation aus, die man stets aufs Neue besuchen musste, um sich über Änderungen zu informieren.

Wenn in der „analogen Politik“ Vernetzung schon überlebenswichtig ist, dann umso mehr in der digitalen. Social Networking heißt nicht zuletzt, digital mit den Personen vernetzt zu sein, die in besonderen Situationen über die besten Informationen verfügen. Das gilt auch für Politiker. Der erfolgreiche erste Wahlgang bei der Wahl zu einem neuen Bundespräsideten wurde gerade nicht durch eine Nachrichtenagentur, sondern durch eine Twitternotiz bekannt. Es bleibt - das sei aber nur am Rande bemerkt - abzuwarten, ob und inwiefern dadurch die klassischen Medien ihre Deutungshoheit über bestimmte Sachverhalte verlieren.

Politiker haben mit Twitter zudem die Möglichkeit, sich untereinander zu vernetzen: Was macht mein Parteikollege gerade? Womit beschäftigt sich der Oppositionsführer? Selbst in der Bundesversammlung wurde davon Gebrauch gemacht. Wer dabei war, nutzte den Tag #bpw (Bundespräsidentenwahl).

Auch die Politiker Kleber und Klöckner hatten sich einiges zu sagen:

 

3. Twitter ist erfolgreich, weil es ein neues Mittel der Eigenwerbung ist

Twitter ist die Möglichkeit, unmittelbar am Leben von interessanten Personen teilzuhaben. Wer über einen längeren Zeitraum die Tweets einer Person liest, bekommt eine Vorstellung von ihrem Leben und Denken. Aber es gibt neben diesem Kanal „Leser - Autor“ auch den Kanal „Autor - Leser“. Wer über einen längeren Zeitraum hinweg Tweets absetzt, stellt sich selbst dar (was an dieser Stelle völlig wertneutral gemeint ist). Twitter ist dabei die unkomplizierteste und komplizierteste Art zugleich.

Unkompliziert deshalb, weil der, der nicht mehr als Links twittert, sich das Bild eines Experten auf diesem Gebiet aufbauen kann. Oder seine Attraktivität dadurch steigert, dass er seine Leser an Informationen teilhaben lässt, die sie an sonst keiner Stelle bekommen. Beim Amoklauf in Winnenden wurde auf unschöne Weise deutlich, was das heißt.

Kompliziert deshalb, weil durch das schnelle Absetzen von Nachrichten häufig die Qualität der Inhalte leidet. Der Fall Twitter bei der Wahl des Bundespräsidenten zeigt, wie eine neue Technik begeistert aufgegriffen wurde, ohne den Umgang mit ihr genügend zu reflektieren. Auch wenn das Wort „Medienkompetenz“ inzwischen zu einer nichtssagenden Worthülse geworden ist, so hat man sowohl in Winnenden als auch bei der Bundesversammlung einen der Situation angemessenen und würdevollen Umgang vermisst.

Das Beispiel des Grünen-Politikers Volker Beck

Twitter ist erfolgreich, weil es einfach zu nutzen, Teil eines sozialen Netzwerkes und neues Mittel der Eigenwerbung ist. Barack Obama dürfte diese Vorteile vonTwitter als erster Politiker für seine Zwecke erfolgreich im Wahlkampf genutzt haben. Dieses Modell versuchen natürlich viele Volksvertreter-/innen nachzumachen. Nicht in allen Fällen gelingt dies - siehe Bundesversammlung.

Das oben beschriebene Dreierschema Website-Blog-Twitter dürte unter Berücksichtigung aller Faktoren (Zielgruppe, Inhalt, Aktualität) in der gegenwärtigen Medienlandschaft und im Wahlkampf bis Herbst 2009 für Politiker ein geeignetes Modell zu sein.

Ein Beispiel für eine geschickte Kombination der Kommunikationswege im Netz findet sich bei Volker Beck, seines Zeichens Mitglied des Deutschen Bundestages, Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der Bundestagsfraktion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Mitglied im Parteirat der Grünen und menschenrechtspolitischer Sprecher der Fraktion. Beck steht hier stellvertretend für viele andere Politiker, die die gleiche Strategie verfolgen (und nicht, weil ich seine politischen Positionen befürworten oder ablehnen würde). Auch er twitterte live von der Bundesversammlung („protokollarischer GAU vor ergebnis einmarsch von blumen und kapelle #bpw).

Nun, Volker Beck betreibt eine Website unter www.volkerbeck.de. Dreispaltig, links Navigation, in der Mitte aktuelle Beiträge, rechts Links zu diversen Einzelthemen. Der Inhalt dieser Seite ist relativ statisch: Menschenrechte, weitere Themen, Pressemitteilungen, Reden usw. Möglichkeiten der Interaktion und Kontaktaufnahme mit ihm gibt es (von links nach rechts) per Button Follow me on Twitter, per Kontaktseite (ohne Eingabeformular) und durch die Möglichkeit, seinen Newsletter zu abonnieren. Wer seine Website besucht, hat also die Möglichkeit, sich über politische Inhalte zu informieren und auf konventionellem Wege Kontakt aufzunehmen; mehr aber auch nicht.

Oben rechts führt ein Bild zu seinem Blog Beckstage. Dort präsentiert er sich mit all den typischen Kennzeichen eines Blogs: Sidebars mit den Rubriken Neueste Artikel, Neueste Kommentare, Twitterupdates. Der Besucher oder die Besucherin seiner Website kann hier nicht nur lesen, sondern selbst Meinungen kundtun. Jeder seiner Artikel ist von Lesern kommentiert. Zwar wird auch bei ihm kein Kommentar ohne Administrator freigeschaltet werden, aber dies kann man einem MdB nicht verdenken. Wie Autor und Leser durch das Medium Blog näher zusammenrücken, wird an seinem Eintrag vom 30. November 2008 deutlich. Dort fordert er seine Leser auf, Vorschläge für den Namen seines Blogs zu nennen. Wie bei anderen Blogs auch üblich, kann der RSS-Feed abonniert werden. Öffentliche Antworten des Politikers auf Kommentare gibt es aber nicht.

Twitter führt den Politiker Beck und die an ihm Interressierten (d. h. seine Follower) nun noch enger zusammen. Beck stellt noch banalere Fragen wie wenn ich auf meinem handy versuche, mich hier einzuloggen, komme ich seit tagen immer auf twitter.com/error . weiß jemand abhilfe? #fail (Tweet vom 1. Juni 2009) und greift den Slang" der Twitterer auf. Viel entscheidender ist aber, dass er hier auf Hinweise und Fragen seiner Follower eingeht (im konkreten Fall des Handy-Problems kam ein Lösungsvorschlag auch per Twitter). Die Mehrzahl seiner Tweets - soweit ich das überblicke - sind Replies, also Antworten auf andere Tweets.

Bei Volker Beck sind es also diese drei Standbeine seines Auftritts im World Wide Web:

  • Website: seriöser Auftritt, statische Inhalte, konventionelle Kontaktmöglichkeiten, Antworten auf konventionellem Weg
  • Blog: persönlicher Auftritt, wechselnde Inhalte, Kommentarmöglichkeit, keine Antworten auf Kommentare
  • Twitter: Momentaufnahmen, täglich neuer Inhalt, (häufig) direkte Antworten

Alle drei zusammen decken ein großes Feld an Zielpublikum ab. Alle drei haben verschiedene Akzente und ergänzen sich gegenseitig.

Und die Zukunft von Twitter in der Politik?

Twitter wird auch in Zukunft ein nicht mehr wegzudenkendes Element im Web 2.0 sein. Die große Revolution wird jedoch ausbleiben, allein schon deshalb, da - wie oben beschrieben - immer mehr Dienste die Idee von Twitter kopieren. Sicher wird auch eines Tages der Punkt kommen, an dem die Nutzer vom vielen Gezwitscher Ohrensausen bekommen. Je mehr Vögel im Wald singen, desto weniger hört man die einzelnen Stimmen. Politikerinnen und Politiker werden neue Twitter-Strategien entwickeln müssen, um im sich Netz Gehör zu verschaffen. Vielleicht dauert es auch noch einige Jahre, bis die Generation Leitungsfunktionen in der Politik übernimmt, die mit dem Internet wie selbstverständlich groß geworden ist.

Thomas Schön 2009–2010

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